Interview Olga Stolpovskaya und Dmitry Troitsky
(Regisseure/ Produzenten/ Autoren)


„YOU I LOVE" ist Melodram und zugleich Komödie...

In erster Linie trägt dieser Film wesentliche melodramatische Züge.
Und tatsächlich ist „You I love" so etwas wie eine kleine Revolution für
das russische Kino.
Nach unserem Wissen thematisiert unsere Geschichte gleichzeitig die
Bisexualität und die Homosexualität im jungen russischen Film. Wir haben
uns diesem Thema, das bisher eher unbekannt für uns war, mit Humor und
einer gewissen ironischen Distanz genähert, uns Situationen dafür
ausgedacht, die durchaus in der heutigen russischen Gesellschaft so
stattfinden können. Ganz unvoreingenommen haben wir uns diesem
Thema und seiner Möglichkeiten genähert und dadurch ist uns diese
Balance zwischen Melodram und Komödie auch ganz gut gelungen.
Das ist auch der Kern unseres Films. Wir wollen nicht Stellung
beziehen, sondern mit „YOU I LOVE" zeigen, dass es auch heute
noch schwierig ist, als junger Schwuler in der russischen
Gesellschaft zu leben.

Was hat Sie zu diesem Film inspiriert?

Eine wahre Geschichte! Ja wirklich. Gerade die Szene,
als Vera, Tim und Uloomji sich miteinander vergnügen, da sehen sie
uns beide, quasi als Spiegelbild. Ihre Gefühle, ihre Erfahrungen,
ihre Leidenschaften und ihre Stimmungen haben auch wir beide durchlebt!
Allerdings haben wir im wahren Leben nie einen westmongolischen
jungen Mann kennen gelernt, wie Uloomji einer ist.

Warum ist in „YOU I LOVE" Uloomji gerade ein junger Mann der
Westmongolen, ein stark buddhistisch geprägter Volksstamm in Europa?


Im ersten Entwurf kam unser Held aus den Vorstädten von Moskau.
Aber wir fanden, dass wir eine Person brauchten, die mit vielfältigen
Charakterzügen ausgestattet ist. Denn die Russen sind ein Volk, das mit
einer ethnischen und kulturellen Vielfalt aufwarten kann. Und Russland ist
ein Land, das zwischen Europa und Asien liegt, sich also kulturell nach
vielen Seiten hin orientieren kann.
Das spiegelt auch den Zustand der jungen russischen Gesellschaft wieder.
Man gibt sich offen und vielfältig. Dem wollten wir einen Charakter
entgegenstellen, der sich in seiner ethnischen Tradition bewusst gefestigt
sieht, dort aber gleichzeitig als Außenseiter gilt.
Uloomji entflieht der Provinz und seine gerade, ehrlich Art macht es ihm
schwer, sich in dieser anderen Gesellschaft zurecht zu finden.
Sein Zugang zu seiner Sexualität ist einfach und sehr ungezwungen und
ist so als Gegensatz zu dem Entwurf Vera/Tim deutlich erkennbar.
Hier die Naivität, dort das kontrollierte Leben und Lieben.

Tim und Vera symbolisieren die neue russische Gesellschaft. Sie sind
gestresst, hetzen durch das Leben, sind wahre Arbeitstiere.
Alles an den Menschen in der Geschichte erinnert an andere große
Metropolen wie Paris und New York.
Ist das, was wir in „YOU I LOVE" sehen, das neue, das junge Moskau?


Ja, das ist es. Moskau ist eine große Metropole geworden, beherrscht von
den immer gleichen Regeln und dem immerwährenden Rhythmus einer
Stadt. Alle wollen das schnelle Geld, besonders die jüngeren unter
uns. Sie wollen sich Dinge leisten können, glücklich sein, eine
gewisse Position erreichen. Sie arbeiten lange, gehen zum Fitness-
Training, speisen in Restaurants, genießen Sex, Drugs & Rock´n´Roll.

Den Russen wurde schon seit
je her eine ausgeprägte Aversion gegen Homosexuelle
nachgesagt. Wie ist das ihrer Meinung nach heute?


Sagen wir mal so: Die Russen sind auf dem Weg zu mehr Toleranz.
In den Großstädten ist das anders als in den kleineren und
abgeschiedenen Städten. Aber das ist ja in fast jedem europäischen Land so.
Aber von Jahr zu Jahr treten die russischen Homosexuellen immer
mutiger und konsequenter in der Öffentlichkeit auf. Aber alles wird wohl
noch eine lange Zeit dauern.

Gab es Probleme bei der Realisierung des Films?

Ja, das war am Anfang richtig schwer. Beginnend mit der Realisierung
und dem Casting. Mit Jewgeni Korjakovsky hatten wir großes Glück,
denn er ist von Natur aus ein sehr offener und zugänglicher Mensch.
Aber man glaubt nicht, wie schwer es ist, einen jungen russischen
Schauspieler zu finden, der einen Bisexuellen spielen soll.
Und dazu musste er ja auch noch ein asiatischer Mann sein, damit nicht
nur die kulturelle Unterschiedlichkeit besser zum tragen kommt.

Es gibt viele asiatische Menschen auf den Straßen von Moskau;
Immigranten aus Aserbaidschan oder Usbekistan beispielsweise.
Aber die Mentalität in Moskau ist anders als in Paris oder New York.
Im letzten Moment, kurz vor Beginn der Dreharbeiten, stellte uns ein
Mitarbeiter aus dem Team einen jungen Mann vor, halb Russe, halb Chinese.
Das war wie ein Wunder.
Damir Badmaev meisterte das Vorsprechen mit Bravour und in wenigen
Tagen war er der perfekte, homosexuelle Mongole.

Die Finanzierung gestaltete sich sehr schwierig. Über vier Jahre hinweg
suchten wir nach Geldgebern, redeten mit einer Vielzahl von Produzenten
und mussten uns viel Kritik und Ablehnung gefallen lassen.
Das hat uns umso mehr motiviert, „YOU I LOVE" auf die Beine zu stellen -
und so sind wir die Produzenten des Films geworden.

Die Produktion wurde zu unserer Mission.
Unbedingt wollten wir der Welt zeigen, wie das neue Russland,
das neue Moskau und seine Menschen aussieht,
die Gegensätze und das Miteinander gleichermaßen.

Wie waren die Reaktionen
nach der Veröffentlichung des Films in Moskau?


Schwierig; man redet in Russland nicht offen über schwules,
russisches Kino, gerade auch deswegen, weil es bis zu diesem
Zeitpunkt praktisch keinen Film mit diesem Thema gab. Das kann eine
Tabuisierung des Themas in der Öffentlichkeit als Grund haben, oder aber
auch die Tatsache, dass die staatliche Förderung für Filme dieser Art bis
dato nicht vorhanden war. Was in unseren Augen eher befremdlich schien,
aber wir mussten das hinnehmen.

Unser Film behandelt ein kontroverses Thema und dabei ist es gleichzeitig
schwierig, quasi als Erster auf dem Markt zu sein. Aber nach wie vor
glauben wir, dass ein breites, wenn auch nicht öffentliches Interesse
an diesem Thema besteht.

Nicht nur das Thema Homosexualität ist dabei interessant; nein, auch die
durchaus anregende Konstellation Mann liebt eine Frau und einen Mann.
Das „YOU I LOVE" in 15 Städten Russlands angelaufen ist, erfüllt uns
natürlich mit Stolz. Noch mehr freuen uns die durchweg positiven
Reaktionen und das wir mit diesem Film eine gesellschaftliche
Diskussion in Gang gesetzt haben.

Glauben Sie also, dass Sie als Regie- und Produzententeam die
Notwendigkeit schwuler Filmthematik in Russland angestoßen haben?


Ja, vielleicht haben wir Menschen dazu bewegt, sich mit diesem
Thema auseinander zu setzen.
Aber wir sind erst am Anfang - und wie schon gesagt:
Unser Blick sollte auch auf die komplexe russische
Gesellschaft gerichtet sein, eine Gesellschaft, die sich
im Umbruch befindet.

 

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